Prof. Simon, in Ihrem neuen Buch: „Hidden Champions – Die neuen Spielregeln im chinesischen Jahrhundert“, widmen Sie auch dem Thema Nachhaltigkeit ein Kapitel. Nun gibt es außer Nachhaltigkeit auch noch andere drängende Themen, wie z. B. die Unterbrechung der Lieferketten durch das Pandemiegeschehen und die Digitalisierung. Beobachten Sie daraus entstehende Zielkonflikte und wenn ja welche?
Prof. Simon: Man muss hier unterscheiden zwischen kurz- und langfristigen Problemen. Die Unterbrechung der Lieferketten sowie das Pandemiegeschehen halte ich für vorübergehende Phänomene, während Digitalisierung und Nachhaltigkeit uns in den nächsten Jahrzehnten begleiten dürften. Dabei stehen Zielkonflikte für mich nicht im Vordergrund, denn auch sie dürften eher kurzfristiger Natur sein, sondern es geht eher um die gegenseitige Befruchtung bei der Bewältigung dieser Trends. So sehe ich einen sehr engen Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Nehmen wir das Beispiel Logistik, wo es heute noch gigantische Leerfrachten gibt. Diese Form der Verschwendung kann man mit besserer Planung, d. h. Digitalisierung, wesentlich reduzieren. Gleiches gilt für die Steuerung von energieverbrauchenden Prozessen, für den Verkehr generell und nicht zuletzt für Gebäude. Aber es ist nicht abzustreiten, dass im Sinne des S von ESG, also der sozialen Nachhaltigkeit, Konflikte beim Schutz persönlicher Daten entstehen. Das könnte auch für das autonome Fahren gelten. Nicht alles, das durch Digitalisierung erreicht werden kann, wird mit der Nachhaltigkeit vereinbar sein.
Herr Hagedorn, Ihr Unternehmen avesco analysiert Hidden Champions basierend auf den 3 Säulen der Nachhaltigkeit (Ökonomie, Ökologie und Soziales). Wo glänzen die Hidden Champions und wo gibt es noch Aufholbedarf?
Oliver N. Hagedorn: Das kann man so pauschal nicht sagen – jeder Hidden Champion hat individuelle Stärken und Schwächen. Allerdings glänzen die Hidden Champions in der Regel durch ihre Authentizität und Haltung. Man merkt, sie wollen etwas ändern und ihren Beitrag leisten. Häufig ist das Thema Nachhaltigkeit beim Top-Management aufgehangen und es gibt in jeder Abteilung jemanden, der sich damit befasst.
Außerdem glänzen die Unternehmen bzgl. ihres Produktimpacts: Mit ihren Innovationen führen sie zu einer Veränderung, indem sie neue Technologien in die Mitte der Gesellschaft tragen. Ihr Qualitätsstreben fördert die Langlebigkeit ihrer Produkte und ihre Sparsamkeit wirkt Verschwendung entgegen und mündet in Kreislaufwirtschaft.
Aufholbedarf gibt es im Bereich Governance, denn zumindest kleineren Hidden Champions fehlt es häufig an etablierten Strukturen und Prozessen, die dem deutschen Governance-Kodex entsprechen. Außerdem gibt es auch Aufholbedarf im sozialen Bereich. Die Frauenquote im Mittel- und Top-Management hängt häufig noch hinterher. Wir vermuten, dass das an den Familieneigentümern sowie den häufig eher technischen Industrien liegt. Frauen waren hier lange Zeit außen vor. Sie interessieren sich aber auch weniger für diese Berufe. Das wird sich ändern, umso mehr ökologische und soziale Aspekte in den Unternehmen an Bedeutung gewinnen.

Was denken Sie: Welche Aspekte der Nachhaltigkeit werden bei der Unternehmensführung künftig an Bedeutung gewinnen?
Prof. Simon: Ich glaube, dass die Technologie die zentrale Rolle bei der Bewältigung der Umwelt- und Klimaprobleme spielen muss. Insofern ist zu erwarten, dass technologische Aspekte sehr stark in den Vordergrund treten werden. Nur dort werden wir die Lösung für viele Nachhaltigkeitsprobleme finden.
Oliver N. Hagedorn: Glaubwürdigkeit und Transparenz. Die Unternehmen müssen allen Stakeholdern zeigen, dass sie es ernst meinen mit der holistischen Nachhaltigkeit und nicht nur ein „Alibi-Produkt“ haben, welches nachhaltig ist. Eine besondere Bedeutung haben die Humanressourcen. Performance und Innovation sind eng damit verknüpft. Schon heute gibt es den „War for Talent“. Hidden Champions, die wirklich nachhaltig sind, haben es einfacher Mitarbeitende zu gewinnen, auszubilden, zu fördern und zu halten.
Prof. Simon, welche Unterschiede gibt es zwischen den Hidden Champions der ersten Stunde und den relativ jungen Perlen des Mittelstandes?
Prof. Simon: Es gibt mehrere Unterschiede. Bei den älteren Hidden Champions handelt es sich vor allem um produzierende Unternehmen, die insofern stark von den Nachhaltigkeitsforderungen betroffen sind. Unter den jüngeren Perlen des Mittelstandes finden wir viele Dienstleister und Softwareunternehmen, vor allem im Bereich industrieller Prozesse. Zum einen beachten diese jungen Unternehmen die Nachhaltigkeitserfordernisse von Anfang an stärker, denn sie sind nicht durch historische Festlegungen wie Fabriken oder Investitionen gebunden. Zum anderen sind viele von ihnen in Bereichen tätig, die weniger energie- und ressourcenverbrauchsintensiv sind. Das erleichtert die Situation dieser jungen Firmen. Darüber hinaus gibt es einen Unterschied bei den leitenden Personen. Die Gründer der alten Hidden Champions waren meist keine Akademiker und hatten keine internationale Erfahrung, sondern waren eher Handwerker und bodenständig. Aber mit ihrer Courage und technischen Kompetenz haben sie trotzdem Weltmarktführer geschaffen. In der jungen Generation der Führer hat man es mit weltgewandten Leuten zu tun, die eine akademische Ausbildung und in der Regel auch internationale Erfahrung haben, sei es durch Studium, Praktika oder Arbeit im Ausland. Das sind echte Weltbürger, die sich in der Globalisierung leichter tun als die ältere Generation. Möglicherweise ist damit eine größere kulturelle Offenheit verbunden, auch für neuere Themen wie Diversität, Integration etc. Ich denke, dass das schon etwas mit dem Alter korreliert.
Prof. Simon, wer treibt aus Ihrer Erfahrung das Thema Nachhaltigkeit bei den börsennotierten Hidden Champions. Sind es die Eigentümerfamilien, der Markt oder kommen die Impulse mehr aus der Belegschaft und dem Management?
Prof. Simon: In vielen Fällen wird das Thema sehr stark von den Eigentümerfamilien getrieben. Ich würde sogar sagen, dass auffällig viele dieser Firmen ein starkes Nachhaltigkeitsbewusstsein haben. Vielleicht ist das eine Ausdehnung der traditionellen langfristigen Orientierung. Man denkt in diesen Unternehmen eher in Generationen als in Quartalen, und dieses längerfristige Denken wirkt sich auch förderlich auf die Nachhaltigkeitsorientierung aus. Ich erwarte außerdem eine zunehmende Antriebskraft von Seiten der Investoren. Lippenbekenntnisse und Verkündigungen gibt es diesbezüglich schon zahlreich. Ich erinnere nur an Blackrock oder die Äußerungen des Business Roundtable in den USA im Hinblick auf das Stakeholder- vs. Shareholder-Konzept. Impulse aus der Belegschaft kommen insbesondere in Bezug auf soziale Belange wie Unternehmenskultur oder Arbeitsregelungen, z. B. zum Thema Home Office. Der Markt spielt keine so große Rolle. Vom Markt her entscheidet vor allem die Ökonomie. Ist ein nachhaltiges Produkt relativ zum Wert nicht teurer oder idealerweise billiger als ein traditionelles und weniger nachhaltiges? Das entscheidet sich am Markt, der insofern als solcher keine Nachhaltigkeitsethik hat.

Herr Hagedorn, wie reagieren Hidden Champions auf Anfragen Ihres Hauses bzgl. einer internen Analyse? Und wie lange verbleiben Portfoliounternehmen durchschnittlich in Ihrem Fonds?
Oliver N. Hagedorn: Insgesamt sehr offen und positiv. 90 Prozent der Unternehmen antwortet innerhalb einer Woche. Top-Management und Investor Relations wissen um die Bedeutung von Nachhaltigkeit, entsprechend sind unsere Hidden Champions gut aufgestellt und können ökologische und soziale Kennzahlen meistens fix liefern. Ich muss aber auch sagen, dass die Unternehmen, die wir in Betracht ziehen, i.d.R. einen strategischen Nachhaltigkeitsvorteil haben. Sie beschäftigen sich von innen heraus schon lange mit dem Thema. Nachhaltigkeit ist für sie Opportunität und Profit und selten noch Cost. Das zeigt sich auch daran, dass sie sich über den Dialog mit uns freuen. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass ihre Nachhaltigkeitsberichte tatsächlich komplett gelesen werden. Außerdem sind sie begeistert, dass sie mit jemanden auf Augenhöhe diskutieren können und sich die Erarbeitung insgesamt gelohnt hat.
Zur Verweildauer: Wir sind grundsätzlich langfristig investiert. Unternehmen werden nur deinvestiert, wenn es unauflösliche Kontroversen gibt oder sich ihre Nachhaltigkeitsleistung rapide verschlechtert hat. Wir monitoren das fortlaufend und führen alle 2 Jahre eine Folgebewertung durch.
Prof. Simon, Sie beschäftigen sich seit mehr als 30 Jahren mit den sogenannten versteckten Weltmarktführern. Was fasziniert Sie nach wie vor an der Materie?
Prof. Simon: Zum einen fasziniert mich, dass ich immer wieder neue, beeindruckende Hidden Champions entdecke. Ich habe gerade das neue Buch „Hidden Champions: Die neuen Spielregeln im chinesischen Jahrhundert“ geschrieben. Dort findet man in den Kapiteln über Innovation, über Digitalisierung, über Nachhaltigkeit und über Ecosystems sehr schöne Fallstudien zu überraschenden neuen Ideen und deren erfolgreicher Realisierung. Beispiele sind DeepL, die beste Übersetzungsmaschine der Welt aus Köln, neue Flugzeuge wie der Volocopter, Lilium oder HY4, was für ein Wasserstoffflugzeug steht, das gerade in Stuttgart entwickelt wird. Im Kapitel zur Nachhaltigkeit finden wir Beispiele wie den Ersatz von Baumwollfasern durch Fasern aus Holz, neue Verpackungsmethoden mit kompostierbaren Rohstoffen, Recyclingprozessen und Ähnliches. Das ist immer wieder sehr faszinierend. In meiner 30-jährigen Beschäftigung mit dieser Gruppe von Unternehmen habe ich nie die Nase voll gehabt oder das Thema als langweilig empfunden.
Herr Hagedorn, wodurch sind Sie erstmalig auf den Gedanken gekommen, die Hidden Champions mit dem Thema Nachhaltigkeit zu kombinieren?
Oliver N. Hagedorn: Ein Unternehmer diskutierte mit mir den Erwerb eines Unternehmens, das auf die Produktion von Biodiesel spezialisiert war. Er fragte, ob das ein nachhaltiges Geschäftsmodell sei. Dieser Impuls führte dazu, dass ich mich erstmals intensiv mit Nachhaltigkeit beschäftigt habe. Es folgte 2011 eine Studienarbeit an der TUM und wir entwickelten eine eigene Methode, um die Nachhaltigkeitsleistung des Unternehmens zu bewerten. Nachdem das Projekt abgeschlossen war, stellte sich die Frage, was tun mit dem neuen Wissen. Da erinnerte ich mich an Prof. Simons Forschung zu kaum bekannten, mittelständischen Weltmarktführern und das legendäre Buch, das seither in vielen Sprachen erschien und noch immer hochaktuell ist. Die Idee war geboren, diese Unternehmen auf Ihre Nachhaltigkeit hin zu überprüfen und über einen Fonds investierbar zu machen.
Welcher Hidden Champion beeindruckt Sie im Kontext einer ganzheitlichen Nachhaltigkeit also ökonomisch, ökologisch und sozial besonders?
Prof. Simon: Hier kann man eine ganze Reihe von Firmen nennen. Ich nehme als Beispiel die Firma Voss aus dem Bergischen Land, ein Hidden Champion für Kfz-Fluid-Leitungssysteme mit 5.100 Mitarbeitern. Der Nachhaltigkeitsbericht der Voss Gruppe ist sehr vollständig und in jeder Hinsicht instruktiv. Es werden nicht nur Energie- und Ressourcenverbrauch, sondern auch Aspekte wie Compliance, Unfallraten, Arbeitssicherheit, Altersstruktur, Anteile weiblicher Mitarbeiter, Ausbildungsaktivitäten etc. umfassend dargestellt. Das ist wirklich ein Vorbild für nachhaltige Unternehmensführung bei den Hidden Champions.
Oliver N. Hagedorn: Das wird Sie überraschen, Geberit. Der Hidden Champion arbeitet seit langer Zeit an seiner Nachhaltigkeitsperformance. Der ökologische Productimpac t ist enorm, Wassersparen ist das oberste Gebot bei allen Produkten und Dienstleistungen. Die Arbeitgeberperformance ist hervorragend und auch die Wertschöpfungskette. Die Abfallentsorgung wurde durch Geberit solange perfektioniert, bis lediglich Wasser und Metalle als „Abfälle“ angefallen sind, die sich teils vollständig aufbereiten und recyclen lassen.
Wenn es speziell um das Innovations-Potenzial geht, würde ich den österreichischen Hidden Champion Lenzing nennen wollen. Deren methodisches Verfahren, Textilfasern aus Holz zu gewinnen, wird der Baumwolle langfristig den Rang ablaufen.
Engagement ist uns definitiv sehr wichtig und wir denken, dass dieses bei uns noch weiter proaktiv ausgebaut werden könnte. Ich persönlich würde im Rahmen des Sustainable Hidden Champions Aktienfonds mit meinem Team sehr gerne viel mehr machen, es ist jedoch eine Zeit- und Personalfrage. Aktuell gehen wir ins Engagement, wenn Kontroversen auftreten, wenn also ein Portfoliounternehmen durch Kontroversen in der Presse auffällig wird. Das ist aber eher ein reaktives Engagement. Was mittelfristig wichtiger bei uns werden sollte ist ein proaktives Engagement. Das bedeutet auch aktiv nachzufragen bei den Unternehmen, z.B.: „Wie haben sie ihre Nachhaltigkeitsziele erreicht? Haben sie sich neue Ziele gesetzt?“. Durch die Analysen sehen wir ja auch immer genau, wo es noch Potenziale in den Unternehmen gäbe, diese Punkte könnten wir uns notieren und festlegen, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt nochmals nachfragen.
Manchmal ist es auch wichtiger solcherlei Fragen zu stellen, als tatsächlich eine Antwort zu erwarten, weil das ein Signal an die Unternehmen sendet, dass es eben kritische Nachfragen geben kann. Was wir schon erlebt haben: Manche Unternehmen freuen sich z.B., wenn sie merken, dass ihr Nachhaltigkeitsbericht wirklich gelesen wird.
Was wir im Übrigen auch machen, ist, dass wir auf InvestorInnen-Veranstaltungen gehen und diese Plattformen nutzen, um nicht nur die Finanzkennzahlen abzufragen, sondern auch nach Kennzahlen aus den Bereichen Ökologie und Soziales zu fragen. Das rief früher immer Erstaunen hervor, inzwischen wird es für die Unternehmen jedoch immer gewöhnlicher und entsprechende Daten liegen meistens parat.
Was auch dazu gehört, ist, dass wir durch unsere Schnittstelle zwischen Unternehmen und Rating Agenturen und in dieser Sparringssituation, in der wir uns (zwischen Bewertungen und dem Dialog mit den Unternehmen) sehr oft befinden, mitbekommen, was die Unternehmen für Daten liefern sollten. Da können wir unseren Portfoliounternehmen weiterhelfen und im Rahmen eines Engagementprozesses proaktiv auf die Unternehmen zugehen und sagen: „Wenn ihr in diesem Bereich hier noch transparenter agiert, dann werden eure Bewertungen besser ausfallen“.

Das fällt meistens auf dankbare Ohren. Derzeit schreibt auch eine Masterandin ihre Masterarbeit bei uns über die Anforderungen verschiedener Ratinganbieter. Wir arbeiten in dem Zuge heraus, was die jeweils wichtigsten Kernpunkte sind. Diese Informationen wollen wir unseren Portfoliounternehmen dann auch zu Verfügung stellen. Als wir den Unternehmen davon erzählt haben, waren die Reaktionen gemischt: Es gab Hidden Champions welche sehr dankbar reagiert haben. Wir hatten aber z.B. auch ein Unternehmen dabei, welches derzeit keinen so hohen Free Float an Aktien hat, da hieß es: „Wenn wir jetzt noch weitere Verbesserungen umsetzen und somit noch mehr potenzielle InvestorInnen anziehen, dann müssten wir eine weitere Kapitalerhöhung durchführen, darauf sind wir derzeit gar nicht eingestellt“.
Ja, wir hatten tatsächlich bereits häufiger den Fall, dass uns ein Hidden Champion fragte, ob wir den nächsten Nachhaltigkeitsbericht gegenlesen würden, um Tipps zu geben und quasi zu überprüfen, ob jetzt auch „wirklich alles drinsteht“. Oder allgemeinere Anfragen, was bei einer nachhaltigeren Berichterstattung wichtig ist und beachtet werden sollte. Das hat uns sehr gefreut.
Auch bzgl. des Themas Ratings sind wir im Austausch mit den Unternehmen, denn oftmals ist den Hidden Champions unklar, welche Ratinganbieter auf eine Anfrage hin ein Unternehmen raten und welche Anbieter lediglich selbst selektierte Firmen durch Ratings bewerten – hier profitieren wir wechselseitig vom Austausch.
Außerdem stoßen unsere Indikatoren zur Messung von Nachhaltigkeit häufig auf das Interesse der Unternehmen. Letztens erst war ein Hidden Champion an unseren Stoffstromanalysen interessiert, auf Nachfrage sendeten wir diesem eine Vorlage zu – wir würden uns natürlich freuen, wenn das Unternehmen seine Material- und Energieflüsse künftig visualisiert und letztendlich optimiert.
Ganz unterschiedlich. Es gab Hidden Champions die innerhalb des Gesprächs sehr viel nachgefragt haben und interessiert waren. Mir fällt hier ein Unternehmen speziell ein, welches enorm viele Fragen zum Thema Stakeholder Engagement hatte. Unser Gesprächspartner fragte dann auch direkt: „Können sie uns bitte nochmal erklären, was Stakeholder sind?“. Hierbei wurde uns bewusst, wie gut es ist, dass wir solcherlei Impulse liefern und ansprechen, denn tatsächlich ist es häufig so bei den Hidden Champions, dass die „Nachhaltigkeits-Terminologie” noch nicht so bekannt ist. Die Unternehmen sind in ihren Kennzahlen und darin was unternehmerisch wichtig ist grandios aufgestellt, aber beim Thema Nachhaltigkeit sind viele noch nicht sattelfest. Häufig kommt das auch erst in den Gesprächen zutage und unsere Gesprächspartner sagen dann: „Ach so, aber das machen wir doch“, weil sie vorab nicht einordnen konnten, was wir da abgefragt haben – aufgrund eines unbekannten Begriffes. Ich würde schon sagen, da sind die Hidden Champions sehr interessiert und freuen sich, Dinge mitzuhören. Das Positivbeispiel mit dem Nachhaltigkeitsbericht hatten wir auch bei zwei anderen Unternehmen: Einmal fragte mich die Ansprechpartnerin ob wir im Dialog bleiben können was den Bericht angeht. Bei einem anderen Hidden Champion hatten wir 2-3 Sachen angemerkt, die im Nachhaltigkeitsbericht nicht sehr transparent waren. Das Unternehmen reagierte dankbar und sagte: „Danke für den Hinweis, das machen wir nächstes Mal anders“.

Ja, auch das gab es bereits. Wir hatten einen Hidden Champion in der Analyse, wo spürbar wurde, dass dieser eher wenig involviert war in unseren Prozess. Konkret haben wir festgestellt, dass zwar alle Fragen beantwortet wurden, aber mehr mit der Hoffnung, dass „es schnell vorbei“ ist. Wir fragen auch nach der Analyse immer noch einmal nach, wie das Unternehmen den Prozess empfunden hat oder ob wir Bildmaterial bekommen könnten, da gab es auch keinerlei Rückmeldung mehr. Wir wussten allerdings auch, dass dieses Unternehmen ein größeres, etablierteres Unternehmen mitsamt eines eigenen Nachhaltigkeitsteams sowie einer ganz eigenen Strategie ist. Unternehmen solcher Größenordnung sind i.d.R. dann auch weniger offen.
Letztes Jahr hatten wir auch das Fallbeispiel eines Divestments. Hier sind wir konkret auf ein Unternehmen zugegangen und haben nachgefragt, inwieweit die Dividendenpolitik mit dem Abbau von Arbeitsplätzen d‘accord geht. Die Antwort war stark vereinfacht ausgedrückt: Bisher hätte sich niemand beschwert und wir wären die Ersten die danach fragen würden – man würde darauf zurückkommen. Es kam aber keine weitere Reaktion, das Unternehmen hielt weiter an der Dividendenpolitik fest – und wir entschieden uns, zu deinvestieren.
Ja, vor einiger Zeit haben wir ein Portfoliounternehmen erneut analysiert (das geschieht bei uns alle zwei Jahre automatisch für jedes der Unternehmen im SHC-Fonds). Es kommt dabei häufig vor, dass wir einige knifflige Fragen bzgl. der Lieferketten und Zulieferer stellen müssen. Konkret ging es hier um einen Zulieferer von Kupfer aus Mexiko, der bereits negativ in der Presse aufgefallen war. Denn in der Vergangenheit kam es zu einem Dammbruch in der Kupfermine mit verheerenden Folgen für die Umwelt und Menschen vor Ort. Außerdem plante unser Hidden Champion eine Kooperation mit einem anderen Unternehmen in Norwegen, um dort Kupfer abbauen zu können, eine entsprechende Absichtserklärung war bereits unterzeichnet – von dieser traten allerdings beide Unternehmen zurück, als offenkundig wurde, dass Teile der samischen Urbevölkerung sowie die Umwelt negativ von dem Vorhaben beeinflusst werden würden, wodurch sich diese Kontroverse vorerst beruhigt hat.
Wir fragen in unseren Gesprächen konkret nach, wieso z.B. bestimmte Zulieferer weiterhin unter Vertrag genommen werden oder bestimmte Vorhaben geplant werden – wohlwissend, dass wir hinterher auf Basis der Antworten eventuell deinvestieren werden.
Ja, vor allem das sogenannte Carbon Disclosure Project (heute Discosure Insight Action). Wir haben hier drei ausgewählte Portfoliounternehmen im Namen von CDP angeschrieben und diese aufgefordert, nach CDP zu berichten. Von zwei Unternehmen haben wir nun auch erfahren, dass diese dem Aufruf nachgekommen sind und nach CDP berichtet haben.
Ansonsten sind wir Mitglied bei Venga e.v., bei der Bundesinitiative für Impact Investing und beim FNG sind wir natürlich Mitglied. Wir haben außerdem auch bei einer einmaligen Initiative von CDP mitgemacht. Hier haben wir die Aufforderung unterschrieben, dass Unternehmen nach den Science Based Targets berichten sollten. Die Science Based Target ist eine Initiative, die Firmen dazu auffordert, sich selber konkret messbare Ziele zu geben, z.B. im Rahmen von CO2-Intensität. Ob die Hidden Champions das allerdings auch umsetzen werden bleibt abzuwarten, immerhin hat jedes Unternehmen seine eigenen Standards und Formate.
Also grundsätzlich sind unsere Möglichkeiten begrenzt, denn avesco ist keine reine Engagement-Initiative. Es gibt eine Menge solcher Initiativen und NGOs, die hier extrem engagiert sind: WWF, CRIC, der Dachverband der kritischen Aktionäre, Urgewalt und viele mehr. Das sind die großen Initiativen und Treiber von so einem Wandel. Ich würde sagen unser Engagement ist eher punktuell: Bei unseren Unternehmen, wo wir konkret ansetzen und gezielt Tipps geben können und so zu mehr Nachhaltigkeit beitragen.
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Wir freuen uns sehr, dass unser Geschäftsführer und CEO, Oliver N. Hagedorn, zu Mike in den Future Values Podcast eingeladen wurde! Mike und Oliver sprachen insbesondere über die Themen Hidden Champions und Nachhaltigkeit und inwiefern eigentlich beides zusammenpasst. Den Podcast gibt es hier vollständig zu hören:
Wir schließen uns Mike gerne an, wenn er sagt: „Das Geld regiert die Welt, sagt man. Da ist schon was wahres dran, glaube ich. Also sollte wir unser Geld ‚grün‘ regieren lassen!“. Viel Freude beim Reinhören in den Podcast.
]]>Hidden Champions aus dem Bereich der Small- und Mid-Caps seien im Krisenkontext in der Regel die Outperformer. Der avesco Sustainable Hidden Champions Equity-Fonds investiert deswegen in eben diese kleinen und mittelständischen Unternehmen, die in ihrer Nische als Weltmarktführer gelten. Im Gespräch mit Fundview spricht Oliver Hagedorn, Gründer und CEO der avesco Financial Services AG, über das Potential der Hidden Champions und die Bedeutung einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitsbetrachtung
Da Small- und Mid-Caps schneller und flexibler reagieren können als große Konzerne, seien diese im Krisenkontext in der Regel immer die Outperformer. Auch Langzeitstudien würden belegen, dass hier mehr Performance erzielt werde als bei Large-Caps, weil die Wachstumsraten viel höher seien. Dies treffe insbesondere auf die Hidden Champions zu, die eine zahlenmäßig kleine aber extrem potente Teilgruppe im Nebenwerte-Segment bilden. Zudem sei das Thema der Resilienz bedeutend. „Es gibt drei Aspekte, die man damit verknüpft: die Bilanz, Lieferketten und den Nachfrageschock im Kontext der Pandemie. Dadurch, dass Hidden Champions vertikal so tiefe Wertschöpfungsketten haben, haben sie weniger Zulieferer. Unterbrechungen in den Lieferketten treffen sie weniger“, sagt Oliver Hagedorn, Gründer und CEO der avesco Financial Services AG, im Gespräch mit Fundview.
In der Pandemie habe das Thema des Nachfrageschocks im Portfolio des avesco Sustainable Hidden Champions Equity-Fonds (ISIN: DE000A12BKF6) kaum eine Rolle gespielt. Der Nachfrageschock habe zwar einzelne Unternehmen getroffen, so beispielsweise auch Rational, Weltmarktführer beim Erwärmen von Speisen, aber durch eine felsenfeste Bilanz, habe der Nachfrageschock keine Schwierigkeiten für das Unternehmen zur Folge. Profiteure in der Pandemie seien außerdem beispielsweise va-Q-tec, Marktführer bei der Herstellung und Vermietung von Thermoboxen und Containern zum Transport von temperatursensiblen Gütern oder Drägerwerk, ein marktführender Hersteller von Beatmungsgeräten.
Diese Hidden Champions würden sich von der breiten Masse der mittelständischen Unternehmen darin unterscheiden, dass sie hochspezialisierte Nischenunternehmen mit einer sehr tiefen vertikalen Wertschöpfungskette sind. Hagedorn erklärt: „Gleichzeitig sind sie dadurch für ihre Abnehmer, Großkonzerne und sehr große Mittelständler, extrem wertvolle Partner, weil sie bereits bei der Produktentwicklung eng verzahnt mit ihren Kunden sind. Das zahlt sich durch höhere Margen und Markteintrittsbarrieren aus. Nischen sind bekanntlich klein, was die extreme Internationalisierung fördert und globale Wachstumschancen ermöglicht. Hidden Champions haben extrem ambitionierte Ziele – die Weltmarktführerschaft in ihrer Nische als wichtigstes Ziel.“
1. Platz: Nexus AG (2,96 Prozent)
2. Platz: Emmi AG (2,95 Prozent)
3. Platz: Geberit AG (2,78 Prozent)
4. Platz: Carl-Zeiss Meditec AG (2,73 Prozent)
5. Platz: Mayr-Melnhof Karton AG (2,71 Prozent)
Hidden Champions würden bis zu fünf Milliarden Euro Umsatz machen. Diese Schwelle müsse jedoch angepasst werden, da die Unternehmen durch die Globalisierung weltweit immer größer geworden seien – dies betreffe Unternehmen wie Symrise, globaler Anbieter von Duft- und Geschmacksstoffen, und Aurubis, Weltmarktführer im Recyceln von Kupfer. Der Median der Marktkapitalisierung der Hidden Champions im avesco Sustainable Hidden Champions Equity-Fonds liege dabei deutlich unter einer Milliarde. Der Fonds bestehe folglich überwiegend aus Small-Caps, die eine Marktkapitalisierung zwischen 250 Millionen und zwei Milliarden Euro vorweisen.
„Unser avesco Sustainable Hidden Champions Equity-Fonds ist fokussiert auf die DACH-Region, weil von den weltweit identifizierten Hidden Champions rund 50 Prozent in dieser Region zu Hause sind“, so Hagedorn. In Deutschland gebe es aktuell von etwa 3,2 Millionen Unternehmen ungefähr 1.500 Hidden Champions, die für 25 Prozent der Exportleistung stehen würden. Lediglich etwa acht Prozent davon seien börsennotiert – damit seien etwa 120 bis 130 Hidden Champion Unternehmen gelistet und würden die typischen Eigenschaften von Hidden Champions aufweisen.
Viele der Hidden Champions im Fonds sind weltweit in mehr als 100 Ländern aktiv. Sie seien damit viel internationaler aufgestellt als die meisten DAX-Konzerne oder auch andere Mittelständler. Dabei seien die Unternehmen typischerweise aus der Provinz. „Man findet unsere Hidden Champions zum Beispiel im westfälischen sowie bayerischen Hinterland, auf der Schwäbischen Alb und im Sauerland. Selten sind sie in großen Städten wie Frankfurt, München oder Berlin anzutreffen“, sagt Hagedorn.
Zweifelsfrei spielt auch die Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle; bei den Hidden Champions aber auch bei der Berliner Boutique selbst. Deswegen erfasse bei avesco ein Team die Nachhaltigkeitsleistung von Hidden Champions qualitativ und holistisch. Hagedorn erläutert hierzu: „Unternehmen sind komplexe Gebilde, die sich unseres Erachtens nach, nur begrenzt standardisiert bewerten lassen. Somit kaufen wir keine ESG-Ratings, sondern evaluieren Unternehmen, finden Unstimmigkeiten oder Widersprüche und gehen damit ins Gespräch. Wir wollen herausfinden, ob der Hidden Champion einen strategischen Nachhaltigkeitsvorteil hat und ob die im Unternehmen vorhandene Nachhaltigkeitsleistung ausgewogen ist. Es geht schlichtweg darum, zu verstehen, ob ein Unternehmen bestehende Potenziale erhält, neu erschafft oder zerstört. Die Basis bildet dabei immer die ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Der direkte Dialog mit den Unternehmen ist deshalb von großer Bedeutung, um die Schwachstellen der Nachhaltigkeit besser einordnen zu können.”
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Dr. Sandra Derissen, Senior-Analystin und Teamleiterin Nachhaltigkeit bei avesco
1. Dr. Derissen, was bedeutet Nachhaltigkeit für avesco als Firma?
avesco als nachhaltiger Wertpapierinstitut hat es sich zum Ziel gesetzt nachhaltige Investitionen zu tätigen und nachhaltige Finanzprodukte anzubieten. Das bedeutet, dass Nachhaltigkeit für avesco einen ganz hohen Stellenwert einnimmt. Nachhaltigkeit bedeutet für alle Investitionen bei avesco, dass sowohl die ökonomische, ökologische und soziale Performance stimmen muss.
Dies gilt für alle Investitionen von avesco. Es werden immer Ausschlusskriterien beachtet und einige Investitionen werden aufgrund ethischer Grenzen nicht getätigt. Alle Investitionen müssen somit in das Bild passen, welches avesco von Nachhaltigkeit zeichnet.
Nichts nur bei unseren Investitionsentscheidungen auch innerhalb unserer Unternehmensgrenzen achten wir auf Nachhaltigkeit. Ein paar Beispiele: Wir verzichten auf innerdeutsche Flugreisen, kompensieren unsere CO2-Emissionen was Druck, Reisen oder Strom angeht. Wir beziehen eine Obstkiste von einem Bio-Bauern, außerdem gibt es nachhaltige Teamevents, bestenfalls mehrmals im Jahr.
2. Wie übersetzt sich dieses Verständnis in die Produktwelt von avesco?
Speziell für den SHC Fonds haben wir eine eigene Methode entwickelt, um die Nachhaltigkeit der Unternehmen zu überprüfen, welche potenziell ins Portfolio aufgenommen werden sollen. Wir betrachten jede Dimension der Nachhaltigkeit (Ökonomie/Ökologie/Soziales) einzeln und unabhängig voneinander. Alle 3 Bereiche müssen für sich überzeugen. Wir wissen: Ein Unternehmen mit einem super ökologischen Produkt, das aber wirtschaftlich nicht tragfähig ist, kann auf Dauer nicht überleben. Genauso wenig wollen wir aber in Unternehmen investiert sein, welche mit ihren Produkten oder Dienstleistungen ökologische oder soziale Schäden verursachen.
Dieser Grundsatz gilt sowohl für unsere Investitionen im SHC Fonds als auch für ein anderes Produkt unseres Hauses, den Sustainable Multi Asset Class Fonds (SMAC Fonds).
3. Was unterscheidet den SHC von anderen nachhaltigen Aktienfonds?
Zunächst wäre da unser Anlageuniversum zu nennen. Dieses ist sehr speziell: In der DACH Region suchen wir nach den sogenannten Hidden Champions und investieren ausschließlich in die nachhaltigsten dieser Unternehmen. Die Hidden Champions in der Begriffsdefinition von Prof. Simon sind KMUs die im B2B Bereich aktiv sind, in einer Nische operieren und hierbei auch zu den Weltmarktführern gehören.
Ein zweites Unterscheidungsmerkmal ist unsere eigene Methodik, mit der wir die Unternehmen, also die Hidden Champions, prüfen. Das bedeutet, dass wir uns nicht über Plattformen wie etwa MSCI die „100 besten Unternehmen“ in einer Kategorie aussuchen und mit diesen einen Fonds aufsetzen. Unsere eigene Bewertung ist Maßstab für die Investition. Hierbei greifen wir auf alle frei verfügbaren Quellen zurück. Herzstück unserer Analyse ist aber der direkte Dialog mit den Unternehmen. Tatsächlich werden viele Unternehmen aus unserem Anlageuniversum nicht von den großen Research Agenturen gecovert und tauchen daher auch in vielen der gängigen Nachhaltigkeitsfonds nicht auf.
Deswegen wird unser Fonds auch sehr gerne zur Diversifikation eingesetzt.

4. Wo liegen die Vorteile Ihrer Methodik?
Wir können sehr differenziert vorgehen und individuell auf die Unternehmen schauen – dadurch, dass wir keine standardisierten Fragebögen oder Suchmasken haben, nach denen wir vorgehen bei der Suche. Häufig hören wir von unseren Portfoliounternehmen die Frage, insofern sie z.B. von MSCI gecovert werden: „Wir können diese Bewertung nicht nachvollziehen, wieso werden wir so bewertet?“. Der Vorteil bei uns ist: Wir kennen unsere Unternehmen. Wir haben Kontakt zu den Unternehmen. Wir haben mit jedem Unternehmen einen Call, wo wir offene Fragen diskutieren.
Oftmals spüren wir hierbei auch, dass unsere Nachfragen im Grunde wichtiger sind als deren eigentliche Antworten. Außerdem merkt man hierbei gut, wo das Thema Nachhaltigkeit in den Unternehmen aufgehangen ist. Ist es ganz oben auf Ebene der:s CEO, oder wird das Thema quasi „ausgelagert“ an sog. Nachhaltigkeitsbeauftragte, die dann leider häufig nicht wirklich integriert sind. Da merken wir ganz deutlich, inwieweit Nachhaltigkeit im Unternehmen angekommen ist. Auch die Offenheit, mit der unsere Fragen beantwortet werden, lässt Rückschlüsse zu. Das können z.B. kurze, knappe Gespräche sein mit hohem Informationsgehalt, aber wenig Engagement sein. Das können aber auch Gespräche mit Unternehmen sein, die vielleicht jetzt noch gar keine so gute Bewertung bei uns haben, wo man aber sehr deutlich das Ringen um die Beantwortung unserer Fragen spürt. Deswegen schätzen wir es sehr, so nah an den Hidden Champions dran zu sein.
5. Und welche Herausforderungen gibt es?
Unsere Methodik ist zunächst einmal qualitativ und somit zeitaufwendig und arbeitsintensiv. Es geht nicht so schnell, ein spannendes Unternehmen „mal eben“ ins Portfolio aufzunehmen. Wir benötigen pro Analyse etwa 60-80 Arbeitsstunden und mindestens 3 AnalystInnen, welche das Unternehmen im Sechs-Augen-Verfahren überprüfen. Auf der anderen Seite, was den Vertrieb des SHC Fonds angeht, kommt es häufig zu Rückfragen in InvestorInnengesprächen, da viele Datenanbieter unsere Portfoliounternehmen nicht covern. Da heißt es dann oft: „Ihr Produkt verfügt über kein Fondsrating bei MSCI, so können wir es nicht einschätzen“. Diese Datenlücken beeinflussen so manche Gesamtbewertung des Fonds negativ. Beispielsweise werden oft nur die Unternehmen bewertet, welche ein MSCI-Rating besitzen – da aber 40-50 % unserer Unternehmen nicht gecovert sind, entsteht ein verzerrtes Gesamtbild für unseren Fonds.
Abgesehen davon ist der SHC Fonds recht erklärungsbedürftig, was auch eine Herausforderung ist, weil wir halt nicht den einfachen Weg gehen, mit einem der „großen Label“ daherkommen und sagen: „In unserem Fonds befinden sich nur MSCI-Produkte“ – und dann sind Intermediäre und potenzielle InvestorInnen beruhigt.
Unsere Methode ist tatsächlich einzigartig und man muss sich drauf einlassen und Lust haben, sich tiefer damit zu beschäftigen und den SHC Fonds zu durchdringen. Er ist kein Produkt mit einem niedrigen Einstiegslevel, so könnte man es auch formulieren. Zusammengefasst würde ich also folgende Herausforderungen nennen:
1.Zeit- und Kostenaufwand unserer Methodik
2. Die Datenverfügbarkeit zu unseren Portfoliounternehmen
3. Die Erklärungsbedürftigkeit unseres Produktes
6. Wie gehen Sie mit diesen Herausforderungen im Arbeitsalltag um?
Gehen wir hier gerne Punkt für Punkt durch:
Zeit- und Kostenaufwand unserer Methodik
Für avesco ist es eine große Investition eine dauerhafte Abteilung mit 3-4 AnalystInnen zu besetzen. Die Methodik ist auch wenig automatisierbar bzw. skalierbar – mit einem neuen Produkt der gleichen Methodik würde der Arbeitsaufwand ebenso steigen. Da haben es Fondsanbieter die das halbautomatisch machen oder externe Daten verwenden einfacher. Für avesco ist aber genau das eine strategische Entscheidung und ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit. Insofern schaffen wir die Ressourcen, um die Analysen am zeit- und kosteneffizientesten durchzuführen.
2. Die Datenverfügbarkeit zu unseren Portfoliounternehmen
Wir versuchen hier möglichst frühzeitig mit den Unternehmen in Kontakt zu treten, um von ihnen selbst die Daten zu bekommen, welche wir benötigen. Außerdem recherchieren wir genau und sammeln selbst möglichst viele Daten, um diese Lücken zu schließen. Ich würde hier allerdings auch behaupten, dass die Herausforderung sich eher auf der externen Ebene abspielt, eben weil interessierte Intermediäre und potenzielle InvestorInnen gelegentlich negativ reagieren, wenn sie kein Standardlabel sehen.
3. Die Erklärungsbedürftigkeit unseres Produktes
Die betrifft auch eher das Marketing- bzw. Sales-Team bei avesco gegenüber den Finanzintermediären und EndkonsumentInnen, da eine intensive Betreuung vonnöten ist. Wir bieten hier verschiedene Servicedienstleistungen an, etwa Webinare, Erklärvideos, auch den ein oder anderen Podcast rund um den SHC Fonds. Außerdem erstellen wir ein, bei den Intermediären recht beliebtes Dokument, die sogenannten Kurzprofile unserer Portfoliounternehmen. Hier erläutern wir kurz und knapp die Ergebnisse unserer Analyse und zeigen auf, wieso ein Hidden Champion von uns als nachhaltig erachtet wird. Dieses Dokument können Intermediäre in die Beratungsgespräche mitnehmen und ihren KundInnen vorlegen, was gerne genutzt wird.

7. Und welche Herausforderungen gibt es in Bezug Ihrer Methodik zu anderen nachhaltigen Anlagekonzepten?
Zunächst würde ich hier übergeordnet die aktuellen, regulatorischen Veränderungen (Offenlegungsverordnung, Taxonomieverordnung, …) nennen, weil wir eine gewachsene Methodik haben, die sich über die Jahre immer weiter verfeinert hat, inzwischen mit effizienten Prozessen arbeitet und eine sehr hohe logische Konsistenz aufweist. Jetzt kommen aber durch diese regulatorischen, externen Faktoren weitere Anforderungen auf uns zu, die nochmal ganz anders definieren, was Nachhaltigkeit bedeutet. Diese müssen wir nun in unsere Methodik integrieren, was nicht immer ohne Herausforderungen abläuft.
der anderen nachhaltigen Anlagekonzepte: Wir haben beispielsweise sehr lange überlegt, ob wir auch Ausschlusskriterien integrieren sollten. Lange Zeit war diese Überlegung redundant, da wir Faktoren wie beispielsweise Menschenrechtsverletzungen, Kernkraft oder Waffenindustrie innerhalb unserer Analyse eh so hoch negativ bepunkten (wir definieren solche Kriterien als Nachhaltigkeitsrisiken), dass solche Unternehmen per se niemals in den SHC Fonds aufgenommen werden würden. Deswegen war unser Argument, dass wir nicht „vorne“ Ausschlusskriterien brauchen um vorab Unternehmen auszuschließen, weil das eh durch unsere Analyse geschieht.
Für uns ist das logisch, aber leider ist diese Sichtweise konträr zum Markt, wo es häufig so scheint, als ob Ausschlusskriterien zwingend notwendig sind, wenn man nachhaltig sein will. Im Endeffekt haben wir uns nun doch Ausschlusskriterien gegeben, auf Basis unserer Bepunktung innerhalb der Analyse. Ein Beispiel, um zu verdeutlichen, wie weit der gefühlte Marktdruck hier gehen kann: Ohne ausformulierte Ausschlusskriterien hätten wir uns nicht auf das FNG Siegel für nachhaltige Finanzprodukte bewerben dürfen, diese sind nämlich eine Grundvoraussetzung.
8. Wo sehen Sie die Limitationen von Ausschlusskriterien oder Best-in-Class-Ansätzen?
Zunächst zu den Ausschlusskriterien: Diese sind tatsächlich komplizierter als man denken könnte. Die Limitationen liegen in der Komplexität. Ein Beispiel: Ein Fondsanbieter lässt verlauten, dass beispielsweise „Kernkraft, Rüstung und Kohle“ ausgeschlossen werden, was mich als Privatanlegerin dazu verleiten würde zu denken: „Das ist ja super, hier werde ich investieren“. Im Kleingedruckten stehen dann allerdings Zusätze wie: „Wir schließen Unternehmen aus, die mehr als 10 % ihres Umsatzes an Rüstung verdienen.“
Spätestens hier würde ich mich, als Endanlegerin fragen: „Wie kommt das denn, wieso wird dann gesagt, dass nicht in Rüstung investiert wird?“. Solche sogenannten Umsatzschwellen erlauben es diesem Fonds trotzdem, in diese Bereiche zu investieren und Umsatzschwellen stehen im Kleingedruckten eigentlich immer drin, z.B. Kohleindustrie mit 15% oder Rüstungsindustrie mit 5%. Im Endeffekt könnte ich mir als Endanlegerin nie wirklich sicher sein, dass nicht doch eines der vorher formulierten Ausschlusskriterien drinnen ist – und bei großen Unternehmen bedeuten 5% halt auch richtig viel.
Wenn ich mir dann sagen würde: „Ich suche Fonds mit Umsatzschwellen von 0% für meine Ausschlusskriterien“, dann geht es in die interessanten Kleinteiligkeiten. Ein Beispiel: Produkte, die militärisch genutzt werden oder auch nicht. Konkret auf mein Beispiel bezogen: Ich suche mir einen Fonds mit einer 0% Umsatzschwelle in militärischen Gütern. Soweit so gut, dann gibt es aber solche Produkte wie beispielsweise Öl. Bedeutet: Irgendeines der Portfoliounternehmen produziert Schmieröl. Dieses Schmieröl wird mannigfaltig eingesetzt und verkauft, bei landwirtschaftlichen Traktoren z.B. aber eben auch bei Panzern. Das Portfoliounternehmen liefert also auch an das Militär, was man als „Militärische Nutzung“ bezeichnet. Es gibt Plattformen die bezeichnen das dann als „militärisches Produkt“ und klassifizieren einen Fonds, der zunächst „sauber“ aussah plötzlich doch als „Fonds, der in Rüstung investiert“. Wenn ich das sehe, an einer anderen Stelle der gleiche Fonds aber nicht als „in Rüstung investiert“ klassifiziert wirst, weil diese andere Plattform die sogenannten „Dual Use Produkte“ wie z.B. Öl (welches auch in Traktoren verwendet werden kann) nicht so klassifiziert – spätestens dann entsteht bei mir Verwirrung.
Und das gibt es nicht nur beim Thema Rüstung sondern auch bei Kernkraft, Kohle, Fracking, Ölsanden, bei Tabak, bei Suchtmitteln, Verhütung, Tierwohl, Gentechnik (weiße, rote, grüne Gentechnik) – und da muss man wirklich tief in die Materie einsteigen, um zu verstehen, was schließt denn ein spezielles Ausschlusskriterium (und vor allem in welchem Grad) nun wirklich aus? Und deswegen gibt es bei Ausschlusskriterien Limitationen bezüglich der Praktikabilität. Die Herausforderung für die KundInnen besteht darin, erkennen zu können, ob ein gewisses Kriterium wirklich das ausschließt, worin nicht investiert werden soll. Das ist nicht trivial, da muss man sich erst einmal reinfuchsen.

9. Und wie sieht es mit den Best-in-Class-Ansätzen aus?
Best-in-Class bedeutet lediglich, dass in einer bestimmten Branche die jeweils besten Unternehmen ausgesucht werden, um in diese zu investieren. Ein konkretes Beispiel: Auch einen Panzer kann man CO2-neutral produzieren, was bedeutet, dass die Rüstungsindustrie als solche nicht ausgeschlossen werden würde. Der Ansatz beschreibt lediglich, dass man die jeweils besten Unternehmen einer Branche haben will – und das unter einem bestimmten Kriterium wie z.B. CO2-Intensität oder soziale Kriterien. Im Endeffekt pickt man sich so lediglich ein Puzzleteil raus, in dem dieses Unternehmen gut ist, blendet aber viele andere Bereiche komplett aus. Deswegen erachten wir diese Methodik auch eher als oberflächlich. Auch hier sollte KundInnen bewusst sein, dass sie sich in der entsprechenden Branche wirklich gut auskennen sollten und hinter gängigen Geschäftspraktiken stehen sollten – dann wird ein Portfolio mit den 100 besten Unternehmen die richtige Wahl sein. In der Realität kennen sich die meisten PrivatinvesorInnen jedoch leider nicht tief genug innerhalb einer oder mehrerer Branchen aus und können die Unternehmen nicht gut beurteilen. Daher halten wir diesen Ansatz für einen Nachhaltigkeitsfonds eigentlich für kein wirklich gutes Kriterium.
Eine Kombination aus Ausschlusskriterien und Best-in-Class Ansätzen gibt es auch, was auf jeden Fall stichhaltiger ist als beide Kriterien für sich allein. Gut umgesetzt, können PortfoliomanagerInnen hier vieles erreichen, wenn die Ausschlüsse streng gesetzt und auch wirklich nur die Besten der Besten aufgenommen werden. Im Prinzip wäre das ein vergleichbares Produkt zum SHC-Fonds. Denn wir investieren in ausschließlich ein bestimmtes Anlageuniversum und dann wiederum nur in die nachhaltigsten (ergo die besten) Unternehmen innerhalb des Anlageuniversums – so gesehen entsprich das einer Kombination beider Ansätze. Wobei ich unseren Ansatz eher als ein “Best-in-Universe“ Ansatz bezeichnen würde.
10. Spielen Impact Investments derzeit eine Rolle bei avesco?
Das ist auf Unternehmensebene eher schwierig zu beantworten derzeit, weil bislang keine einheitliche Definition für den Term besteht. Wenn wir aber von Investitionen sprechen, die Unternehmen unterstützen, welche sonst nicht tätig werden könnten und die außerdem einen positiven Impact haben (bspw. sozial oder ökologisch), dann spielen die bei avesco auf jeden Fall eine Rolle, nämlich über unseren European Social Innovation and Impact Fonds (ESIIF). Es wird derzeit viel diskutiert, dass Impact Investments eine Intentionalität haben müssen und auch einen messbaren Mehrwert bieten müssen. Wenn das die Kernfaktoren für Impact Investments sind, dann würde ich sagen: Ja, Impact Investments spielen eine große Rolle bei avesco – im ESIIF aber auch sonst. Es gibt außerdem auch Definitionen, die auch unseren SHC Fonds als Impact Investment definieren würden, aber wie gesagt, da ist bislang noch nichts Einheitliches am Markt etabliert.

11. Was plant avesco zu tun, um in puncto Nachhaltigkeit über sich hinaus zu wachsen?
Die Bemerkung muss jetzt sein: Wir sind ja schon so gut, das könnte schwierig werden
. Wenn wir jetzt auf die EU-Regularien gucken, da geht es ganz viel um Klima, Mitigation und Transition. Wir sind hier schon weiter, legen andere Prioritäten und sagen beispielsweise: Es geht um Diversität, es geht um Wasser, es geht um soziale Belange der ArbeitnehmerInnen, um Vereinbarkeit. Da sind wir schon weiter und haben innerhalb unserer Analyse einen riesigen Blumenstrauß an Faktoren die wir betrachten.
Was wir darüber hinaus ausloten werden, ist: Inwieweit kann der SHC Fonds auch ein Impact Fonds (also ein Artikel 9 Produkt nach der Offenlegungsverordnung) sein? Können wir das was die Hidden Champions tun auch so darstellen, oder in irgendeiner Art und Weise messen, dass wir konkret sagen können, welchen Impact die Unternehmen haben? Das beinhaltet auch das stärkere Aufzeigen, was gewisse Investitionen des SHC Fonds bewirken. Hierzu müsste man Impact jetzt nicht nur als das sehen, was ich vorhin gesagt habe (muss einen messbaren Unterschied machen, eine Intentionalität muss vorhanden sein), sondern eher so, dass unsere Hidden Champions wichtige Innovationen und Lösungen für aktuelle Probleme der Menschheit haben. Und wenn wir diese Unternehmen fördern, inwieweit können sie dann auch diese Probleme adressieren. Wie wir das machen und messen ist derzeit noch offen, ob wir es mit den 17 SDGs machen, oder ob unsere Methodik erneut erweitern. Aber ja, das könnte ein Punkt sein, wo der SHC Fonds noch über sich hinauswachsen kann. Eine Klassifizierung als Artikel 9 Produkt wäre insofern auch erstrebenswert, dass die Wahrnehmung dieser Produkte doch nochmal „besser“ ist.
12. Wo sehen Sie den avesco Sustainable Hidden Championsfonds im Jahr 2025?
Den SHC Fonds würde ich gerne in einer 3-stelligen Millionenhöhe sehen, am liebsten auch mit nochmal mehr Portfoliounternehmen. Ich würde bis dahin auch gerne alle Hidden Champions der DACH-Region analysiert haben. Außerdem würden wir gerne einen Schwesterfonds mit den europäischen Hidden Champions eröffnen, der also alle nachhaltigen Hidden Champions Europas beinhaltet. Die Krönung wäre, dass der Fonds als Artikel 9 Produkt eingestuft wird und 3 Sterne beim FNG Siegel erhält.
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Gesa Vögle ist Geschäftsführerin des CRIC — einem Verein „zur Förderung von Ethik und Nachhaltigkeit bei der Geldanlage“. Zuvor war sie über sieben Jahre beim FNG tätig – einem Fachverband für nachhaltige Geldanlagen, der hauptsächlich die Anbieterseite repräsentiert. |
Bei CRIC habe ich Mitte 2017 angefangen. Das war die Zeit, in der gerade der Zwischenbericht der High-Level Expert Group on Sustainable Finance der EU vorgelegt worden ist und intensiv diskutiert wurde. Zwischenzeitlich hat sich, vor allem was politische Entwicklungen und die Diskussion und Präsenz des Themas in der Öffentlichkeit betrifft, unheimlich viel getan.
Bezüglich Nachhaltigkeit sind die Entwicklungen leider nicht so positiv. Weder mit Blick auf den Klimawandel noch auf die fortschreitende Naturzerstörung ist es seit 2017 gelungen, substanzielle Verbesserungen zu erreichen – in vielen Fällen gibt es sogar Verschlechterungen. Dies trifft ebenso auf den sozialen Bereich zu. Die Ungleichheit hat sowohl weltweit als auch in einzelnen Ländern – auch bedingt durch die Corona-Krise – in den letzten Jahren weiter zugenommen.
Sustainable Finance soll natürlich gerade zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen, also helfen, substantielle Fortschritte in ökologischer und sozialer Hinsicht zu erreichen. Ob und inwiefern hier bereits ein Beitrag geleistet werden konnte und geleistet wird, ist die große und aus meiner Sicht bis dato weitgehend offene Frage.
Mit Blick auf einen nachhaltigen Finanzmarkt – und nach meiner Überzeugung in den meisten anderen Bereichen ebenso – ist ein Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen und Akteure auf unterschiedlichen Ebenen wichtig. Will heißen: Wir brauchen Information und Aufklärung, freiwillige Maßnahmen und Initiativen und zugleich eine öffentliche Hand, die einen zeitgemäßen und zukunftsorientierten Regulierungsrahmen bietet. CRIC hat sich beispielsweise für ein Lieferkettengesetz stark gemacht. Sicherlich sind auch weitere Maßnahmen mit Blick auf einen lenkungswirksamen CO2-Preis wichtig. Auch die Pestizidabgabe, die diskutiert wird, ist aus meiner Sicht im Sinne der Internalisierung der externen Effekte, wie es in der Volkswirtschaftslehre ausgedrückt wird, richtig. Wer der Umwelt schadet, muss auch die Kosten tragen lautet das Prinzip. Hier besteht nach wie vor Regulierungsbedarf.
Informationsarbeit wird immer wichtig bleiben – trotz und weil wir es unter anderem mit dem Problem der Informationsüberflutung zu tun haben. Relevante, verständliche und leicht auffindbare Informationen bereit zu stellen, ist eine der wichtigen Aufgaben im Zusammenhang mit Transparenz über Nachhaltigkeit – unter anderem deshalb begrüße ich auch den Plan der EU, eine zentrale, kostenlose Datenbank zu Unternehmensinformationen aufzubauen. Diskutiert wird das Ganze unter dem Stichwort European Single Access Point.
Wir bei CRIC haben ein Angebot, bei dem wir nicht nur Informationen gebündelt darstellen, sondern auch versuchen, einordnen und verstehen zu helfen. Mit Blick auf Veranstaltungen haben wir den Anspruch, Themen und Fragen zu behandeln, die zu kurz kommen und einen Raum für kritische Reflexion zu bieten.
Ich denke zunächst, dass bereits sehr viel erreicht worden ist. Allein was ich höre von den verschiedenen Akteuren aus dem Finanzmarkt: Niemand kommt mehr darum herum, sich dem Thema Nachhaltigkeit zu widmen. Es befassen sich nicht mehr nur ausschließlich Nachhaltigkeitsfachleute in den Unternehmen mit dem Thema. Vielmehr müssen sich nun zunehmend alle Abteilungen inklusive der Führungsebene mit Nachhaltigkeitsfragen befassen. Insofern hat die Regulierung aus Brüssel schon jetzt gewirkt.
Natürlich ist der Aufwand, der durch die genannten Verordnungen und Direktiven entstanden ist, enorm. Vieles muss sich noch einspielen und zudem gibt es – insbesondere mit Blick auf die Offenlegungsverordnung – Nachbesserungsbedarf. Der Aufwand kann sich für die Unternehmen und Finanzmarktakteure insofern auszahlen, als er ihnen hilft, sich nachhaltig und damit zukunftsfest aufzustellen.
Bei der Taxonomie sind aktuell außerdem noch viele Fragen ungeklärt: Was konkret werden die Ankündigungen der EU-Kommission zum Thema Transition Finance bedeuten? Wann und wie wird sie sich verbindlich für eine soziale Taxonomie aussprechen? Auch die Möglichkeit, dass Kernkraft als nachhaltige Wirtschaftstätigkeit aufgenommen wird, ist noch nicht vom Tisch.
Grundsätzlich ist das Wirkungspotenzial aller drei genannten Regulierungen aus meiner Sicht hoch. Bei der Offenlegungsverordnung denke ich hierbei insbesondere an die Berichtsanforderungen zu den nachteiligen Nachhaltigkeitsauswirkungen. Die Taxonomie kann tatsächlich eine Lenkungswirkung entfalten – ob dies gelingt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Aber ich bin hier vorsichtig optimistisch. Beispielsweise weiß ich von Vermögensverwaltern, die bereits jetzt in Gesprächen mit Unternehmen deutlich machen, dass es für sie von großer Bedeutung ist, dass hier Fortschritte gemacht werden.
Mit Blick auf MiFID 2, also in diesem Kontext die verpflichtende Abfrage von Nachhaltigkeitspräferenzen im Finanz-Beratungsgespräch, die ab Herbst 2022 verpflichtend wird, bin ich ebenfalls optimistisch. Ob Nachhaltigkeit explizit abgefragt wird oder nicht, macht einen Unterschied und kann einen Schub für nachhaltige Geldanlagen in diesem Bereich auslösen. Allerdings gibt es hier insbesondere mit Blick auf die Weiterbildung der Finanzberater und Finanzberaterinnen noch viel zu tun.
Die Pläne sind sehr vielfältig und umfassen folgende Bereiche: einen verlässlichen Politikrahmen schaffen, die Berichterstattung integriert und zukunftsfähig aufstellen, Wissen zu Sustainable Finance aufbauen, nachhaltige Finanzprodukte fördern und den Prozess der Umsetzung institutionell verstetigen. Insgesamt 31 konkrete Maßnahmen schlägt der Beirat vor, darunter beispielsweise die Entwicklung eines ESG-Klassifikationssystems für alle Finanzprodukte.
CRIC begrüßt die Empfehlungen grundsätzlich und hat sie außerdem kommentiert. Beispielsweise hätten wir uns einen stärkeren Akzent in den Bereichen Biodiversität, Digitales, Menschenrechte sowie mit Blick auf die internationale Dimension gewünscht.
Mittlerweile liegt auch die Sustainable Finance-Strategie der Bundesregierung vor – vieles ist hier übernommen worden. Einiges aber auch nicht – was sicher auch zu erwarten war. Das Wichtigste und Zentrale ist, dass es nun überhaupt solch eine Strategie gibt, auf der sich aufbauen lässt. Positiv hervorzuheben ist auch, dass die Bundesregierung insbesondere die soziale Dimension von Sustainable Finance betont. Dennoch ist die Strategie in weiten Teilen vage formuliert und summa summarum eher enttäuschend. Ganz konkret wäre es aus Sicht von CRIC beispielsweise wichtig gewesen, wenn die Empfehlung 31 des Beirats aufgenommen worden wäre, in der Maßnahmen enthalten sind, um Engagement in Deutschland zu fördern. Hier gibt es noch viel ungenutztes Potenzial. CRIC hat zu dem Thema auch unlängst übrigens einen Sammelband veröffentlicht.
Der Green Deal ist die Toppriorität der Kommission von der Leyen und betrifft die Bereiche Klima, Landwirtschaft, Industrie, Umwelt und Ozeane, Verkehr, Finanzen und regionale Entwicklung sowie Forschung und Innovation. EU-Strategien und Maßnahmen in diesem Zusammenhang sind sehr vielfältig und umfangreich. Exemplarisch möchte ich das „Fit for 55“-Paket der EU nennen, das kürzlich verabschiedet wurde und mit dem die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 statt um 40 Prozent um 55 Prozent im Vergleich zum Basisjahr 1990 reduziert werden sollen.
Mit Blick auf den Finanzmarkt sind insbesondere die erneuerte Sustainable Finance-Strategie und der Entwurf einer Revision der CSR-Richtlinie zu nennen.
Wirklich etwas in Sachen ökologisch-sozialer Transformation zu bewegen. Das Zeug dazu hat der Green Deal grundsätzlich.
Die Herausforderungen liegen aus meiner Sicht in erster Linie in der Umsetzung. Was auf dem Papier gut aussieht, passiert nicht automatisch in der Realität. Nehmen wir als Beispiel die Biodiversitätsstrategie der EU: Demnach sollen bis 2030 knapp ein Drittel an Land und Meeresgebieten unter Naturschutz gestellt, der Anteil biologischer Landwirtschaft auf mindestens 25 Prozent erhöht, der Rückgang von Bestäubern beendet bzw. umgekehrt, der Gebrauch von Pestiziden um 50 Prozent gesenkt, europäische Flüsse über eine Strecke von mindestens 25.000 Kilometern renaturiert und drei Milliarden Bäume gepflanzt werden. Dies tatsächlich zu schaffen – und es handelt sich ja hier nur um einen Teilaspekt des Green Deal – ist allein schon eine Mammutaufgabe.
Die Strategie enthält eine Vielzahl vor allem kleinerer Einzelmaßnahmen, bekräftigt bereits Feststehendes, kündigt Prüfungen an und setzt aber auch neue Akzente.
So soll das Potenzial der Digitalisierung stärker einbezogen werden, KMU und Privatanleger und Privatanlegerinnen werden explizit adressiert, Fragen der institutionellen und systemischen Resilienz spielen eine Rolle und auch das Thema Biodiversität hat Einzug gehalten. Auch möchte sich die EU stärker international für Sustainable Finance engagieren. Zudem hat die EU-Kommission erkannt, dass sie mit Blick auf die Herausforderung des Greenwashing nachbessern muss.
Aktuell in Arbeit sind, abgesehen von Umsetzungen über delegierte Rechtsakte, aber eigentlich nur zwei Gesetzesinitiativen: einmal die Revision der CSR-Richtlinie, die jetzt Corporate Sustainable Disclosure Directive (CSRD) heißt, und der Regulierungsvorschlag für den EU Green Bond-Standard.
Vieles wird sich hier noch zeigen. Neue Standards, etwa eine mögliche Methodik für ESG-Benchmarks, werden relevant sein.
Insbesondere die angekündigten Mindeststandards für Finanzprodukte, die ökologische und/oder soziale Merkmale bewerben (Artikel 8-Produkte nach der Offenlegungsverordnung), sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen.
Von Seiten der Aufsichtsbehörden ist zu erwarten, dass sie das Thema Greenwashing stärker im Auge haben werden. Aber auch hier gibt es bislang eher nur allgemeinere Ankündigungen.
Unter anderem werden auf Banken, Versicherungen und Kredit-Ratingagenturen neue Anforderungen mit Blick auf Nachhaltigkeit und Risiko-Management zukommen.
Vieles ist sinnvoll und begrüßenswert – bei einigen Punkten bin ich skeptisch, etwa was den Bereich Transition Finance betrifft. Die Gefahr besteht hier darin, dass in die Taxonomie viele Wirtschaftstätigkeiten aufgenommen werden, die allgemein nicht als nachhaltig wahrgenommen werden. Die Glaubwürdigkeit der Taxonomie könnte Schaden nehmen. Hier hängt viel von der Ausgestaltung ab. In der Strategie selbst ist eine mögliche Ausstiegsklausel erwähnt.
Positiv hervorzuheben ist beispielsweise, dass zum Thema Engagement und Stewardship etwas enthalten ist. Eine Revision der Aktionärsrechterichtlinie könnte einiges bewegen. Auch in dem angekündigten Vorschlag zum Thema Corporate Sustainable Governance, in dessen Rahmen unter anderem Maßnahmen zur Verknüpfung von Vergütung und Nachhaltigkeitszielen oder auch zur Verankerung von Nachhaltigkeit in Leitungsgremien zu erwarten wären, steckt einiges an Potenzial.
Im Abschlussbericht der High-Level-Expert Group on Sustainable Finance, der Anfang 2018 veröffentlicht wurde, beziffert diese den Anteil des Vermögens in der EU, der den privaten Haushalten zuzurechnen ist, auf 40 Prozent. Hieran wird deutlich, dass es nicht möglich sein wird, die Finanzströme in Richtung der Ziele des Green Deal umzulenken, ohne dieses Segment mit einzubeziehen.
Für Privatanlegerinnen und Privatanleger selbst ist es wichtig, dass ihnen möglichst umfänglich die Vorteile, die Sustainable Finance bietet, zugänglich gemacht werden. Außerdem brauchen sie eine qualitativ hochwertige Beratung, die sich an ihren Interessen orientiert.
Politisch betrachtet sehe ich außerdem folgenden Hebel: Idealerweise profitieren die Menschen auch finanziell von Infrastrukturmaßnahmen, die mit Blick auf den Klimawandel und Umweltzerstörung nötig sind. Hier ist noch Kreativität gefragt – auch digitale Lösungen können hier einen Beitrag leisten.
Ganz allgemein besteht die Herausforderung darin, wirklich innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen zu wirtschaften und auf Grundlage von ethischen Normen, die beispielsweise in internationalen Verträgen und Konventionen festgelegt sind. Das gilt für die Real- wie auch die Finanzwirtschaft. Und davon sind wir noch sehr weit entfernt.
Besonderes und im Kontext von Sustainable Finance bislang wenig genutztes Potenzial sehe ich, neben den Privatanlegern und Privatanlegerinnen, in der Entwicklungszusammenarbeit, bei Kleinen und mittlere Unternehmen (KMU) und in der Regionalisierung von Sustainable Finance.
Die ökologischen und sozialen Herausforderungen können nur global gelöst werden. Daher ist es sehr zu begrüßen, dass die EU in der erneuerten Sustainable Finance-Strategie ankündigt, eine Fachgruppe einzusetzen, die Empfehlungen in Hinblick auf Sustainable Finance in Ländern mit geringen und mittleren Einkommen ausarbeiten soll. In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf den Vorschlag des Unternehmers Martin Schoeller und des Journalisten Daniel Schönwitz im von beiden 2020 veröffentlichten Buch AFRIKA FIRST! Die Agenda für eine gemeinsame Zukunft verweisen, Afrika-Bonds in Europa aufzulegen. Dieser konkrete Vorschlag verdient es aus meiner Sicht, breit diskutiert zu werden.
KMU sind das Rückgrat der europäischen Wirtschaft. 23 Millionen KMU gibt es laut Kommission in der EU. Ohne sie können die Nachhaltigkeitsziele der EU nicht erreicht werden. Von daher ist es richtig, dass die EU hier Maßnahmen als notwendig erachtet und dabei unter anderem auf die Möglichkeiten digitaler Lösungen setzen möchte. Grundsätzlich gilt: Sustainable Finance muss in die Regionen getragen werden.
Vielen Dank für das Interview!
]]>Nachhaltigkeit ist für viele Investoren mittlerweile eines der zentralen Themen. Auch bei der Suche nach Hidden Champions spielt es eine wichtige Rolle. Für die Redaktion der HANSAWELT der Anlass, gemeinsam mit Dr. Sandra Derissen, Leiterin des Fachbereichs Nachhaltigkeitsanalyse bei der avesco Financial Services AG, ins Detail zu gehen.

Dr. Sandra Derissen, Senior-Analystin und Teamleiterin Nachhaltigkeit bei avesco
HANSAWELT: Frau Dr. Derissen, was genau ist die Aufgabe Ihres Teams bei avesco?
Dr. Sandra Derissen: Wir haben drei Hauptaufgaben. Zunächst einmal identifizieren und prüfen wir neue, nachhaltige Hidden Champions. Dazu haben wir eine avesco-interne Nachhaltigkeitsmethode entwickelt. Seit 2015 prüfen wir unsere Unternehmen selbst und entscheiden nach der Prüfung über die Aufnahme in den avesco Sustainable Hidden Champions Equity Fund. Zum Zweiten sind wir für das Monitoring unserer Unternehmen verantwortlich. Treten Kontroversen auf, entscheiden wir neu über den Verbleib der Unternehmen im Fonds. Zum Dritten, und dies beschäftigt uns gerade am stärksten, setzen wir uns mit den aktuellen Entwicklungen im Nachhaltigkeitsbereich auseinander. Dies betrifft neue Regularien, aktuell beispielsweise die Offenlegungsverordnung.
HANSAWELT: Was genau sind Hidden-Champions-Unternehmen?
Derissen: Unter der Bezeichnung versteht man kleine und mittelständische B2B-Unternehmen, die größtenteils unbekannt sind, obwohl sie Marktführer in ihrer Nische sind. Sie sind also Champions in dem, was sie tun – ohne dass die breite Öffentlichkeit diese Unternehmen kennt.
HANSAWELT: Hidden Champions und Nachhaltigkeit – wie gut passt das zusammen?
Derissen: Das passt sehr gut zusammen. Bei den Hidden Champions handelt es sich vorwiegend um Familienunternehmen, die auf einen langfristigen Unternehmenserfolg ausgerichtet sind. Es geht dabei weniger um die Erfüllung kurzfristiger Stakeholder-Interessen, sondern vielmehr um langfristige Ziele. Hinzu kommt, dass Hidden Champions oft stark verwurzelt in ihrer Herkunftsregion sind. Das sind meist ländliche Regionen. Sie werden einen Hidden Champion so gut wie nie in den großen deutschen Städten antreffen. Der gute Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht mit der nachhaltigen Unternehmensführung von Hidden Champions-Unternehmen Hand in Hand. Auch ökologisch haben Hidden Champions einiges zu bieten, leider stellt noch nicht jeder Hidden Champion diese Informationen bereit.
HANSAWELT: Warum ist das so?
Derissen: Viele der Hidden Champions-Unternehmen haben schlichtweg nicht die Ressourcen für die Erstellung eines Nachhaltigkeitsberichts. Da sich viele von ihnen unter der Grenze von 500 Mitarbeitenden befinden, ist die Erstellung eines Nachhaltigkeitsberichts auch nicht verpflichtend. Kleine Marketingabteilungen können eine Aufbereitung nachhaltiger Leistungskennzahlen oftmals nicht stemmen.
HANSAWELT: Wie kommen Sie an die Daten, die Sie und Ihr Team für die Nachhaltigkeitsanalyse brauchen?
Derissen: Zunächst einmal nutzen wir alle öffentlich verfügbaren Unternehmensquellen. Dazu gehören Webseiten, Geschäftsberichte, Berichte über ESG-Kennzahlen und Nachhaltigkeitsberichte, wenn diese verfügbar sind. Dies verschafft uns einen ersten Eindruck. Auch die Daten von MSCI nutzen wir, wobei man dazu sagen muss, dass rund 40 Prozent unserer Unternehmen nicht von MSCI gecovert werden. Das ist auch einer der Hauptgründe dafür, warum wir eine eigene Analysemethodik entwickelt haben. Oft bleiben dann noch Fragen offen. Daher ist ein Telefonat mit den Unternehmen ein integraler Bestandteil unserer Analyse.
HANSAWELT: Wie gestalten Sie bei avesco das Engagement mit den Unternehmen?
Derissen: Im Laufe eines Analyseprozesses entstehen viele Fragen, die wir am liebsten im persönlichen Dialog mit den Hidden Champions-Unternehmen besprechen. Im Rahmen eines Telefonats klären wir unsere Fragen, geben aber auch Impulse, wie sich das Unternehmen in puncto Nachhaltigkeit noch weiter verbessern könnte.
HANSAWELT: Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Derissen: Wir sprachen Anfang Januar mit einem mittelständischen Unternehmen, welches bisher nur innerhalb eines integrierten Geschäftsberichtes auf das Thema Nachhaltigkeit eingeht. Im Mai soll es nun den ersten Nachhaltigkeitsbericht geben. Da wurden wir zwischenzeitlich vom Fragenden zum Beratenden. Man bat uns um Tipps für den Nachhaltigkeitsbericht. Vor allem stellten sie uns die Frage: „Was wollen denn die Leute und die großen ESG-Rating-Agenturen hören?“ Kleinere Unternehmen haben oft das Problem, dass Nachhaltigkeitsmaßnahmen bereits Teil der Unternehmenskultur sind, diese aber nicht als solche erkannt werden. Das Geleistete wird deswegen gar nicht erst kommuniziert.
HANSAWELT: Hat sich die Informationsbereitschaft in den vergangenen Jahren verändert?
Derissen: Vielleicht nicht unbedingt die Bereitschaft, viel eher die Breite an Informationen. So waren viele kleinere Unternehmen noch vor einigen Jahren oft unvorbereitet, was ESG-Kennzahlen anging. Sprach man sie darauf an, hatten sie diese nicht parat und mussten sie nachreichen. Das hat sich nun maßgeblich geändert. ESG-Kennzahlen sind ein Must-have in jedem Investorengespräch. Heutzutage gehören Daten zu ökonomischen, ökologischen und sozialen Fragestellungen einfach dazu. Das liegt natürlich auch daran, dass sich immer mehr Investorinnen und Investoren neben Ebit und Co. für ESG-Kennzahlen interessieren, um die Nachhaltigkeit eines Unternehmens beurteilen zu können. Den Unternehmen wiederum ist klar geworden, dass ESG-Kennzahlen ein wichtiges Instrument sind, um am Kapitalmarkt Gelder zu erhalten.
HANSAWELT: Wie viele Hidden Champions befinden sich im avesco Sustainable Hidden Champions Equity Fonds?
Derissen: Derzeit befinden sich 55 Sustainable Hidden Champions im Fonds. Wobei man dazu sagen muss, dass das Universum sehr klein ist. Wir beschränken uns auf die DACH-Region, in der es nur rund 1.500 Hidden Champions gibt. Davon sind wiederum nur circa zehn Prozent börsennotiert. Wir bewegen uns hier also in einem sehr kleinen, aber feinen Universum. Die Hidden Champions werden nicht ohne Grund die „Perlen des Mittelstands“ genannt.
HANSAWELT: Haben Sie einen Liebling unter den Hidden Champions?
Derissen: Ja, derzeit ist es die Va-Q-Tec AG aus Würzburg. Das Unternehmen ist marktführend in der Herstellung und Vermietung von Thermoboxen und Containern zum Transport von temperatursensiblen Gütern. Wir haben das Unternehmen im Frühjahr vergangenen Jahres entdeckt und sofort das große Potenzial erkannt. Derzeit ist Va-Q-Tec in aller Munde, seit bekannt wurde, dass es eine „Vereinbarung mit einem globalen Top-Pharmahersteller“ geschlossen hat. Den Namen des Auftraggebers nannte Va-Q-Tec nicht. Es ist wohl anzunehmen, dass der Auftrag von Pfizer beziehungsweise Biontech stammt. Der Transport und die Kühlung des Biontech-Pfizer-Impfstoffes ist kein leichtes Unterfangen, schließlich muss dieser bei konstant -70 Grad gekühlt werden. Va-Q-Tec hat dafür genau die richtige Technologie. Für mich ist Va-Q-Tec ein tolles Beispiel dafür, was Hidden Champions auszeichnet: Sie sind extrem spezialisiert in dem, was sie tun – Va-Q-Tec entwickelte seine Thermo-Technologie vor 20 Jahren – und denken Nachhaltigkeit im Kontext des Geschäftsmodells.
HANSAWELT: Was zeichnet die Nachhaltigkeit von Va-Q-Tec Ihrer Meinung nach aus?
Derissen: Ökologisch gesehen haben die Va-Q-Tec Kühlprodukte durch die Ressourcen- und Energieeinsparungen eine tolle Ökobilanz. Außerdem setzt das Unternehmen auf ein Mietgeschäft. Das heißt, dass die vermieteten Kühlboxen nach Rückgabe aufbereitet und dann wieder vermietet werden. Va-Q-Tec trägt so zu einer Circular Economy bei. Die soziale Nachhaltigkeit liegt auf der Hand: Dank der Innovation von Va-Q-Tec werden Millionen von Impfdosen in der vorhergesehenen Güte bei den Menschen ankommen. Das Unternehmen leistet so einen großen Beitrag zur hoffentlich baldigen Beendigung dieser Pandemie. Wie Sie sehen, ist der gesellschaftliche Mehrwert dieses Hidden Champions enorm.
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Was sind Sustainable Hidden Champions? Wie kam avesco zum Thema „Nachhaltigkeit“ und wie funktioniert unsere Methodik? Und wie genau leisten eigentlich Vermögensverwalter ihren Beitrag zum Thema Nachhaltige Finanzen?
Unser Gründer und CEO Oliver N. Hagedorn war zu Gast bei Philipp Schröder, CEO von CAPinside, die am schnellst wachsende Investmentcommunity Deutschlands. Heraus gekommen ist eine zweiteilige Podcast-Reihe, die alle oben angesprochenen Fragen beantwortet.
Hier geht es zu den beiden Podcasts – hosted by CAPinside:
Viel Spaß beim Reinhören!
]]>Immer stärker interessieren sich BeraterInnen und InvestorInnen für das Thema nachhaltige Geldanlage. Unser Partner CAPinside hat hierüber ein Experten-Interview mit unserem Founder & CEO Oliver N. Hagedorn geführt und erörtert, welche Herausforderungen es noch zu bewältigen gilt und wieso das Konzept der Sustainable Hidden Champions so erfolgsversprechend ist.
Herr Hagedorn, Sie beschäftigen sich bei avesco sehr intensiv mit der nachhaltigen Kapitalanlage. Wann kommt das Thema endlich im Mainstream an?
Hagedorn: Nachhaltigkeit wird Mainstream, aber das wird noch viele Jahre dauern. Tatsächlich sind die Chancen und das Potenzial von nachhaltigem Investieren noch nicht vollständig im Bewusstsein angekommen. Insbesondere in der Welt der Intermediäre ist die Beschäftigung damit noch die Ausnahme. Das wird sich aber ändern – auch weil die KundInnen das Thema mehr und mehr proaktiv ansprechen werden. Studien belegen, dass rund zwei Drittel der AnlegerInnen gerne nachhaltig anlegen würden, tatsächlich sind aber nur fünf Prozent investiert. Und das ist meines Erachtens vor allem ein Kommunikationsproblem.
Was sind die Gründe für Ihren Optimismus?
Hagedorn: Es gibt mehrere Treiber. Der eine ist der Regulierer, der die Branche mehr oder weniger dazu zwingt, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Ein weiterer Treiber ist die Wissensopportunität. Nachhaltigkeit ist schließlich kein Trend, der in der Finanzindustrie erfunden wurde. Wir haben als KonsumentIn jeden Tag Berührungspunkte damit. Ob Reiseverhalten, Ernährung oder beispielsweise Kleidung. Nicht von ungefähr bezeichnet eine Studie von PwC zur Asset-Management-Branche Nachhaltigkeit als die Jahrhundert-Chance.
Zählte das Thema Nachhaltigkeit auch zu einem der Gründe, warum Sie avesco vor mehr als 20 Jahren gegründet haben?
Hagedorn: Nein. Ich bin im Prinzip ein frustrierter Kunde gewesen. Was ich mir an Beratung im Bereich Finanzen vorgestellt habe, bekam ich bei Banken nicht. Das war der initiale Stupser, weil ich davon ausging, dass es vielen so ging wie mir. Ein weiterer Impuls waren die Asset-Management-Principles von Yale und Harvard, die ich in den neunziger Jahren kennengelernt hatte. Ich fand es beeindruckend, dass sich die großen Stiftungsfonds schon damals nicht nur mit Capital Markets beschäftigten, sondern auch mit Assetklassen wie Private Equity, Venture Capital, Forstinvestment und Hedgefonds.
Welche Rolle spielte das Thema Nachhaltigkeit, wenn es nicht der Auslöser war?
Hagedorn: Ehrlich gesagt, zunächst keine Rolle. Ersten Kontakt gab es dann später mit Microfinance, und wir wurden schnell einer der ersten InvestorInnen. Der finale Impuls erfolgte 2011, als wir für einen sehr vermögenden Kunden vor der Fragestellung standen, ob der Kauf eines Biodiesel-Herstellers nachhaltig wäre oder nicht. Das war im Prinzip der Auslöser, sich intensiver mit der Thematik zu beschäftigen.

Wie hat sich das Unternehmen diesbezüglich entwickelt?
Hagedorn: Was geblieben ist, ist das Streben nach Excellence und das Einnehmen der KundInnenperspektive. Es geht nicht darum zu überlegen, was mir möglichst viele Leute abkaufen, sondern zu gucken, was die Bedürfnisse der InvestorInnen sind. Wie kann man das Thema Finanzen ein Stück weit anfassbarer machen und aus der Abstraktion herauszubringen? Ich glaube, dass der emotionale Bereich häufig leider viel zu knapp kommt. Das wollen wir ändern. Gerade Nachhaltigkeit ist ja keine exakte Wissenschaft.
Hat sich die Zielgruppe im Laufe der Jahre auch gewandelt?
Hagedorn: Ja, wir waren zunächst originär ein unabhängiger Vermögensverwalter, entsprechend war die Zielgruppe in erster Linie die vermögende Privatperson sowie Stiftungen. 2011 haben wir den Transformationsprozess begonnen. avesco ist nicht mehr als Vermögensverwalter B2C am Markt, sondern wir haben uns entschieden, das Unternehmen zu einem Asset-Manager zu wandeln, der für die Themen Nachhaltigkeit und Impact Investing hochspezialisiert ist.
Was zeichnet die Anlagephilosophie von avesco grundsätzlich aus?
Hagedorn: Wir haben nicht von ungefähr den Slogan „how money can make the world a better place”. Wir glauben an die Lenkungsfunktion von Geld, aber dafür muss man einiges bewegen. Konkret bedeutet das, dass wir versuchen, unseren KundInnen – in erster Linie Finanzintermediäre – unser Wissen zu vermitteln beziehungsweise mit ihnen zu teilen, so dass sie im Dialog mit dem Endkunden bzw. der Endkundin kompetenter auftreten können. Und es geht darum, Berührungsängste in diesem Bereich abzubauen. Wir wollen eine Art Sparringspartner sein und helfen, das Thema weiter voranzubringen.
avesco dürften Investoren hierzulande vor allem mit dem erfolgreichen Sustainable Hidden Champions Equity Fonds verbinden. Was macht den Fonds so besonders?
Hagedorn: Wir investieren in nachhaltige mittelständische Weltmarktführer aus dem deutschsprachigen Raum. Das sind Hidden Champions, die jeweils führend sind in einer ganz speziellen Nische. Diese Nische ist einfacher zu verstehen als etwa der Global Player mit völlig unterschiedlichen Geschäftsmodellen unter einem Dach. Außerdem kommen rund 50 Prozent aller Hidden Champions weltweit aus dem deutschsprachigen Raum. Was lag da näher, als genau diese Unternehmen zu beleuchten? Wir haben keine Sprachbarrieren, die Unternehmen sind bei uns vor der Tür und gleichzeitig in der Welt zuhause.
Warum nur der deutschsprachige Raum? So beschränken Sie doch das Anlageuniversum erheblich.
Hagedorn: Zahlenmäßig mag das stimmen, aber tatsächlich handelt es sich um die Elite des deutschen Mittelstandes. Um das einmal zu verdeutlichen: Man geht hierzulande bei 3,2 Millionen Unternehmen von ungefähr 1500 Hidden Champions aus, die für 25 Prozent der deutschen Exportleistung stehen.
Wie suchen und finden Sie die Hidden Champions?
Hagedorn: Wir haben eine eigene ganzheitliche Methodik entwickelt. Sie basiert auf den drei Säulen der Nachhaltigkeit, die wir integriert betrachten: die ökonomische, die ökologische und die soziale Nachhaltigkeit. Basis sind die langjährigen Forschungen von Prof. Hermann Simon, dem Begründer des Begriffs Hidden Champions, und unsere eigenen Recherchen.
Stichwort Titelselektion. Worauf schauen Sie genau?
Hagedorn: Tatsächlich sind es zwei wesentliche Kriterien: Ist das Unternehmen wirklich ein Hidden Champion? Und zweitens: Kann das Unternehmen auf Basis unserer speziellen Methodik eine Nachhaltigkeitsleistung belegen? Das bedeutet: Wir versuchen, ein Geschäftsmodell im Kontext der Branche, in dem das Geschäftsmodell umgesetzt wird, auf die Nachhaltigkeitsleistung zu überprüfen. Und die Blickwinkel, die wir da einnehmen, sind die ökonomische, die ökologische und die soziale Nachhaltigkeit. Wir betrachten das Unternehmen somit ausgewogen. Wir haben nie verstanden, wie man die ökonomische Nachhaltigkeit separat betrachten kann von der ökologischen und sozialen. Die Frage, auf die es ankommt, lautet: Zerstört ein Geschäftsmodell Potenziale in diesen drei Bereichen, erhält es sie oder schafft es neue? Erhalt und Schaffung neuer Potenziale kann per se nachhaltig sein, weil nur dann sind sie für zukünftige Generationen verfügbar.
Autor: Heino Reents | 1. Veröffentlichung: 25.02.2021 | Plattform: CAPinside
]]>Im Gespräch erläutert Oliver Hagedorn, CEO der avesco Financial Services AG, die Strategie des Fonds, die einen Hidden-Champions-Ansatz um eine Nachhaltigkeitsbewertung ergänzt. (Veröffentlicht auf FondsDISCOUNT.de)
Ziel des Avesco Sustainable Hidden Champions (ISIN: DE000A1J9FJ5) ist es, über die Investition in kleine und mittlere Unternehmen (Small- und Mid-Caps) mit nachhaltigem Geschäftsmodell einen langfristigen Vermögenszuwachs zu erwirtschaften. Der Fonds investiert ausschließlich in europäische Aktien börsennotierter Unternehmen, insbesondere aus der D-A-CH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz), die auf Grundlage der avesco-Nachhaltigkeitsbewertung über ein nachhaltiges Mindestlevel verfügen. Die Gewichtung der Titel erfolgt überwiegend systematisch, unter Berücksichtigung der Parameter Volatilität und Börsenumsatz. Es kann auch bei Börsengängen investiert werden, um damit einen Beitrag zur direkten Finanzierung nachhaltiger Geschäftsmodelle und Innovationen mit großem Wertsteigerungspotenzial zu leisten.

FondsDISCOUNT.de: Sie generieren erhebliche Mittelzuflüsse. Bis zu welchem Fondsvolumen sehen Sie ein hinreichend großes Anlageuniversum in der DACH-Region?
Oliver Hagedorn: Derzeit sind gut 25 Millionen Euro im Fonds, nachdem die Summe im Januar 2019 noch bei etwa 8,6 Millionen Euro gelegen hatte. Das Anlageuniversum würde auch ein Fondsvolumen von 300 Millionen Euro noch gut verkraften. Auf der Ebene einzelner Aktien entspräche dies einer Gewichtung von maximal 900.000 Euro im Fonds, da unsere Anlagestrategie eine maximale Gewichtung von drei Prozent vorsieht.
Wächst dieses Universum, wie werden Sie auf neue Kandidaten aufmerksam, die vermehrt auf ESG-Kriterien und SDGs setzen? (Anm. d. Red.: „ESG“: Environment, Social, Governance; „SDGs“: Sustainable Development Goals)
Das für uns investierbare Universum wächst in dem Maß, in dem wir weitere Hidden Champions finden und analysieren. Wir suchen nicht nach Kandidaten, die vermehrt auf ESG setzen, sondern nach Hidden Champions. Diese kommen aber nur ins Portfolio, wenn sie aufgrund unserer hauseigenen Analyse als ganzheitlich nachhaltig eingestuft werden können. Bei der Analyse ist der ökonomische Aspekt integraler Bestandteil und steht gleichberechtigt neben dem ökologischen und sozialen Aspekt.
Übergewichten Sie im Fonds bestimmt SDGs, weil sie besonders wichtig/aussichtsreich wegen der dahinter stehenden Märkte sind? Oder ist ein gesamthafter Ansatz erfolgversprechender?
Nein, wir gewichten nicht anhand von SDGs. Unser gesamthafter Ansatz erkennt die Realität an, dass die Industrien, die es gibt, bis auf solche, die wir ausschließen, auch gebraucht werden. Daher ist es in jeder Industrie wichtig, dass eine Transformation zu einem nachhaltigen Handeln stattfindet. Wie attraktiv der Markt eines Portfoliounternehmens ist, ist sehr individuell und nicht mit bestimmten SDGs verknüpft.
Sie haben bis auf Energiekontor kaum Unternehmen aus dem Bereich Windkraft/Projektierer und keine Anlagenbetreiber im Bereich Photovoltaik plus Windkraft im Portfolio, stattdessen die Energiedienst AG mit Wasserkraft und die 2G Energy AG (Biogas). Warum diese Auswahl?
Diese genannten Unternehmen sind in der Regel keine Hidden Champions, d.h. keine echten Weltmarktführer. Die Energiekontor sehen wir in der Hinsicht als Champion an, weil sie beim Thema PPA (Power Purchase Agreements, d.h. subventionsfreie Stromvermarktung) eine Vorreiterrolle haben. 2G Energy ist nicht in Wind oder Photovoltaik aktiv, sondern ein Anlagenbauer von Blockkraftheizwerken (BHKWs) und dort aus unserer Sicht Technologieführer.
Wasserstoff- oder batteriebetriebene Mobilität gilt als ein Zukunftsthema, in das viele Anleger investiert sein wollen. Lässt sich dieses Thema im gegebenen Anlageuniversum umsetzen?
Das Thema lässt sich über die Zulieferindustrie, vor allem im Bereich Elektromobilität umsetzen und wird auch verstärkt Gewicht im Fonds bekommen. Vieles in dem Umfeld ist allerdings noch im Frühstadium und daher für uns nicht investierbar, weil die ökonomische Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells mit zu vielen Unwägbarkeiten verbunden ist.
Herr Hagedorn, vielen Dank für die interessanten Einblicke.
Zuerst veröffentlicht auf FondsDISCOUNT.de
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